Wenn das Berufsleben eine Pause macht

BEVA - Beat Himmelberger und Eva Rickenbach bilden beruflich und privat ein Team
BEVA - Beat Himmelberger und Eva Rickenbach bilden beruflich und privat ein Team

 

Über 800 Bewerbungsabsagen musste Eva Rickenbach bis zum Seminar «Wie bewerbe ich mich richtig?» schon über sich ergehen lassen. Nun leben sie und ihr Mann Beat Himmelberger offiziell mit ihrer Firma BEVA unter anderem vom Arbeitsamt.

 

Mollis. – Es ist Montagmorgen, 8.45 Uhr. An der Kerenzerstrasse versammeln sich vor dem Firmenschild BEVA die unterschiedlichsten Menschen. Einer könnte beim Grundbuchamt arbeiten, die nächste ist sicher Apothekerin und der Mann in Springerstiefeln mit Tatoos vom Hals bis zum Handrücken etwa Türsteher? Der Mann in FlipFlops und Jeans stellt sich freudig strahlend als Beat Himmelberger, Seminarleiter, vor. Während zwei Wochen lernten sich 14 fremde Menschen beim Thema «Wie bewerbe ich mich richtig?» so richtig kennen.

 

Eine ungewisse Zeit

Verliert man seinen Job, verliert man gleichzeitig auch seinen sicheren Hafen. Wovon soll man künftig leben? Was wird kommen? Wie sieht heutzutage eine gute Bewerbung aus und warum bekommt man auf Stellen, die passend wären, Absagen?

Im Schnitt gehen derzeit je nach Anforderungsprofil zwischen 40 bis 150 Bewerbungen im Kanton Glarus auf Stellenausschreibungen ein. «Bei vielen Stellen heisst es gleich, wir wären zu alt und sie suchen nur jüngere Leute. Andere schätzen aber vielleicht unsere Erfahrung» stellvertretend für die Seminarteilnehmer über 50 ergreift Heidi M.* das Wort und erzählt von der Ungewissheit, aber auch von der Freude über den Neuanfang.

 

«Aber bitte nicht mit Namen»

Der Neuanfang und die Neuorientierung - etwas, was in dem Kurs bei einigen Teilnehmern starke Emotionen auslöst. Die Tränen fliessen, man fühlt mit dem anderen und stärkt sich gegenseitig.

«In dem Kurs geht es uns nicht nur um die perfekten Bewerbungsunterlagen, sondern auch um die Selbstfindung und um den persönlichen Erfahrungsaustausch untereinander», so Beat Himmelberger. Statistisch gesehen hält ein Job fünf Jahre. Die Einzelschicksale und Kündigungsgeschichten sorgen immer wieder für regen Gesprächstoff. Namentlich genannt oder gar fotografiert, möchte dennoch kaum einer werden. Denn man fürchtet sich vor den Auswirkungen, dem Gerede und davor, dass man keinen Job mehr im Glarnerland findet. Dass man niemals schlecht über den alten Arbeitgeber im Vorstellungsgespräch reden darf – egal was war -, erfahren die Teilnehmer auch durch das Gruppenfeedback, das jeder einzelne nach einem simulierten Bewerbungsgespräch erhält.

 

Die persönlichen Kündigungen

«Wer wurde schon mal gemobbt?» 9 von 12 Teilnehmern melden sich. «Wer hat schon mal gemobbt?» 4 von 12 melden sich – einschliesslich Seminarleiter. Eine Frau, die wie zwei weitere Teilnehmer noch in einer laufenden Arbeitsgerichtsverhandlung steckt und anonym bleiben möchte, arbeitete über 20 Jahre für ihren bisherigen Arbeitgeber. Noch immer merkt man Heidi M.* die letzten Monate an: «Nach all den Jahren hängt noch immer Herzblut daran. Ich darf gar nicht sagen, was ich über die neue Chefin denke.» Auch die junge Frau neben ihr unterlag im sogenannten Bossing - eine Mobbingform, die vom Chef ausgeführt wird. «Innerhalb von drei Monaten nahm ich 2o Kilo ab und konnte kaum noch schlafen. Heute bin ich froh, endlich dort weg zu sein.»

 

Lebensberatung statt Vorschriften

Nach einer ersten verbindlichen RAV-Empfehlung stellt genau diese junge Frau die Frage: «Darf das Amt mir theoretisch verbieten, meine Schwangerschaft bis zum Ende zu verheimlichen?» Schon jetzt – im fünften Monat sieht man ihr eindeutig den Babybauch an. Die gemischten Gefühle sieht und hört man nicht nur der Gruppe an, auch Beat Himmelberger steht schulterzuckend und kopfschüttelnd vor ihr: «Ich sage dir jetzt meine ganz persönliche Meinung. Das Glarnerland ist klein. Wie würdest du dich als Arbeitgeber fühlen, wenn dir etwas so gravierendes verheimlicht wird? Würdest du es sogar weiter erzählen?» Am Folgetag kann sich die junge Frau mit ihrer Ehrlichkeit einen Job trotz Schwangerschaft sichern. «Der Chef fand es gut, dass ich es ihm gleich gesagt habe und gibt mir genau deswegen eine Chance», freudestrahlend berichtet sie der Gruppe von ihrem Erfolg.

 

Ein neues Ziel

In dem zweiwöchigen Seminar wurden nicht nur die perfekten Bewerbungs-unterlagen erstellt, es entstanden neben Freundschaften auch bei dem einen oder anderen neue Ziele und konkrete Massnahmen. So ist beispielsweise derzeit eine Bewerbung im Umlauf, in der sich Gilbert, der Mann mit Tatoos als Teamleiter in einem Brockenhaus bewirbt: «Dank Beat hab ich ein neues Ziel. Genau das ist meine Stelle.» Wie es weiter geht, erfahren die Seminarteilnehmer in privater Runde im Dezember. Denn bei einer Frage waren sich alle nach zwei gemeinsamen Wochen einig: Wollen wir uns nicht vor Weihnachten nochmals treffen?

 

*Namen aufgrund des Persönlichkeitsschutzes geändert

 

 

 

 

Beat und zwei seiner Seminarteilnehmer bei einem Vorstellungsgespräch - hier simulieren die beiden, wie ein Bewerbungsgespräch ablaufen könnte und erfahren, über was man besser nicht sprechen sollte...

Kommentar: Wenn das Berufsleben eine Pause macht

 

Der Stellenverlust kann der Anfang eines neuen Lebens und auch gesundheitlich letzten Endes ein positiver Aspekt sein, doch bevor man das als solches erkennt, wird man meist von Selbstzweifeln, Scham und der Angst vor dem Gerede geplagt. Die Gründe für den Jobverlust sind vielfältig, gesprochen wird darüber meist nur in vertrauter Runde.

 

Der Gang zum Arbeitsamt ist wie ein Fall auf einem Laufsteg – vor laufendem Publikum. Zumindest fühlte es sich für mich so an, als ich im Jahre 2012 selbst davon betroffen war.  Peinlich berührt, bedacht, nicht gesehen zu werden und in Begleitung eines «Saisonarbeit-Leidensgenossen» ging ich zum ersten Mal zu einem Ort, den ich bis dato nur vom Erzählen kannte – dem RAV.

 

Unter der Hand gehen etwa 90 Prozent der Arbeitsplätze weg, lediglich 10 Prozent werden überhaupt ausgeschrieben. Auch ich hatte am Ende meiner Wintersaison ein solches «Unter-der-Hand-Angebot», dann bewarb sich plötzlich ein anderer mit besser passenderem Profil auf «meine» Stelle. Plan B gab es zu dem Zeitpunkt noch nicht.

 

Top motiviert und voller Vorfreude auf ein neues Arbeitsumfeld lief ich in den nächsten Wochen zum Briefkasten. Doch auf 30 Bewerbungen kamen 30 Absagen. Die Motivationskurve sank, die Selbstzweifel nahmen zu. Genau über dieses Problem sprachen wir bereits am ersten Seminartag. Und ich sah zum ersten Mal, welche Menschen ebenfalls betroffen sind.

 

Arbeitslosigkeit kann jeden treffen. In dem Kurs waren Menschen, die ich, wenn ich Personalchef wäre, sofort und ohne Zweifel einstellen würde. Doch auch bei den Menschen, die theoretisch perfekt ins Stellenprofil passten, lagen in den zwei Wochen Absagen im Briefkasten. Für die Stellensuchenden ist es meist nicht so einfach, in der Öffentlichkeit darüber zu reden.

 

«Lass du dich doch fotografieren und steh mit Namen her. Oder ist es dir etwa peinlich?» Ich kann diese Frage meines Seminar-Sitznachbarn Roman .... klar mit einem «jein» beantworten. Ja, weil wohl niemand stolz darauf ist, wenn er in der Arbeitslosenstatistik erscheint. Nein, weil ich dank des Seminares 13 tolle Menschen sehr nahe kennen lernen und erleben durfte. Nein, weil sich etwas Neues ergeben hat.

 

Die Neuorientierung und die Frage «Was ist mir selbst im Beruf wichtig?» spielten während der zwei Wochen bei vielen Seminarteilnehmern eine Rolle. Es wurde umgedacht und man bewarb sich auf einmal auf Stellen, die man zuvor nicht in Betracht gezogen hätte. «Ist es nicht eine Degradierung, wenn man sich als Apothekenverkäuferin nun bei Coop bewirbt?»

 

Ist es eine Degradierung, wenn man andere, vielleicht ähnliche Aufgaben übernimmt oder kann es auch ein Neuanfang für ein zufriedeneres Leben sein? Was ist für einen selbst wichtig? Ist es der Arbeitsweg? Ist es das Team? Ist es die Arbeit? Kann die vorübergehende Arbeitslosigkeit auch eine Chance für einen Neuanfang zum Beispiel in einer anderen und vielleicht schöneren Branche sein? 

 

Um nichts auf der Welt möchte ich die beiden Seminarwochen von BEVA mehr missen – die ersten Babyfotos der jungen Frau, die Gespräche mit den Oesters und den Erfahrungsaustausch untereinander – und ja, auch den verbesserten Lebenslauf. In den zwei Wochen erfuhr ich Dinge, bei denen ich mich einfach nur frage: Für wen sollte die derzeitige Situation peinlich sein?