Ein Junge mit Zivilcourage

 

 

Wie muss sich eine Mutter fühlen, wenn ihr Junge bei einem Schwingfest von einem anderen Jungen öffentlich und lautstark verbal angegriffen wird und sich dabei heraus stellt, dass ihr Junge kleinere Kinder ärgert? Eine Mutter musste am Samstag beim Jungschwingfest in Weesen genau diese Erfahrung machen. Ein dunkelhäutiger Junge zeigte nämlich eine Top-Zivilcourage.

 

Weesen, Kanton St. Gallen: Jede Mutter hat wohl mindestens schon eine furchtbar peinliche Situation verursacht durch den Spross erlebt. Zum Beispiel meine Schwester: Ihr zu dem Zeitpunkt etwa 10-jährige Spross erzählte der Metzgersfrau, dass er noch nie so etwas gutes zu essen bekommen hätte und er solchen Hunger hat. Die Metzgersfrau hatte ihm vor diesem Satz ein einfaches Brötchen mit einer Scheibe Salami gegeben. Einer Freundin passierte das: Ihr damals 7-jähriger schmiss sich in einem grossen Einkaufsmarkt vor versammelten Publikum auf den Boden, hielt krampfhaft die Hände vors Gesicht und schrie "Bitte, bitte schlag mich nicht wieder." PC-Verbot für zwei Tage, nicht einmal da versohlte sie ihm den Hintern. Einer Mutter eines Jungschwingers hingegen passierte etwas, was am Samstag das gesamte hintere Schwingpublikum zum Schweigen brachte - samt Richter.

 

Verteilt auf drei Sägemehlplätzen zeigten die angehenden Schwingsnachwuchstalente, was wohl schon ihr Vater ihnen beigebracht hat. Den richtigen Griff, die richtige Beinstellung, der Überraschungseffekt - und wie man richtig anfeuert. Schwingfieber auf dem Platz und auf den Bänken, nur abseits, am kleinen Fluss spielten die Kinder mit Steinen und Wasser. Vor mir sitzt eine Mutter eines Jungschwingers, ihr Junge - vielleicht auf dem Feld. Nein, er scheint schon fertig zu sein, kommt zu ihr, hat seinen Trainungsanzug an und will auch gleich schon wieder weiter ziehen. Doch dann wird er plötzlich aufgehalten.

 

Von hinten stürmt ein dunkelhäutiger grösserer Junge heran, anfangs verstand wohl kaum jemand, was hier gerade vor sich geht, warum er den Jungschwinger auf einmal vor versammelter Mannschaft in die Schranken weist. "Ich sage dir, das machst du nie wieder" - was soll er nie wieder machen? Und dann der alles entscheidene Satz - der Satz, durch den niemand der Erwachsenen - auch keiner der Richter- dazwischen geht: "Ich sage dir, du wirst nie wieder mit einem Stock auf kleinere Kinder los gehen." Ok - cool. Da setzt sich jemand mal definitiv für andere ein. Peinlich berührt schaut die Mutter des Jungschwingers auf den Boden, ihr Buebe zügelt ebenso peinlich berührt ab. Beifall für diese Einlage auch von den anderen umsitzenden Jungschwingern und von mir.

 

Ab diesen Moment beobachte ich weniger das Schwingfest sondern vielmehr diesen Jungen, der mich durch seinen Einsatz für die Kleineren doch extrem beeindruckt. Es ist zu schön, wie sich all die kleineren Kinder um ihn scharen, er Spiele mit ihnen spielt und sich um sie kümmert. "Ist es für dich ok, wenn du mit deinem Bruder in einer Mannschaft bist?" - höre ich ihn eins der Kinder fragen und denke wieder einmal mehr "so einige Erwachsene und Führungspersönlichkeiten könnten wohl von diesem Jungen noch so einiges lernen." Und ich denke: "Mit diesem Jungen hat die Schweiz das grosse Los gezogen."