Erst zum 8. Mal traten die Berner Bauern in den Kanderarena-Ring und sie wurden belohnt: Durchschnittlich 16 Prozent mehr wurde ihnen gezahlt, verkauft wurden 328 Tiere an 28 Käufer.
Mülenen. - Der Konkurrenzkampf zwischen dem Viehmarkt Frutigen und dem der Kanderarena läuft auf Hochtouren. «Es wurden in etwa gleich viele Tiere wie auf dem Frutiger-Markt verkauft und das war erst die achte Auktion», so Ueli Klossner, der Erfinder der Kanderarena.
Das perfekte Timing
Die Flutkatastrophe im Jahr 2005 setzte zwar ganz Reichenbach im Kandertal unter Wasser, machte aber auch Platz für Neues. Walter Bettschen, der Besitzer des Sägewerks und der Palettenfabrik, der damalige Feuerwehrkommandant, der nur Menschen rettete, er verlor alles: Schaden über 20 Millionen Franken, doch zum Glück war er gut versichert.
«Was Walter Bettschen als Privatperson jetzt mit dem Bau der Kanderarena erreicht hat, ist in dieser Form wohl einzigartig und verdient Anerkennung. Die Gemeinde Frutigen hätte mit einsteigen sollen», so Robert Alder, Redakteur beim Schweizer Bauer. Nun steht die Gemeinde vor der Entscheidung: Selbst Millionen für einen Neubau einer Viehmarkthalle investieren oder annehmen, was aus privater Hand erschaffen wurde.
«Vom Gesetz her verboten»
«Der Viehmarkt Frutigen ist gesetzlich eigentlich verboten, denn dort gibt es keine Lösung für die Gülle. Sie wird gesetzeswidrig in die Kanalisation geführt und auch das Parkplatzproblem kann nicht gelöst werden », äussert sich kritisch der 21-jährige Landwirt Niklaus Grossen, der seine Abschlussarbeit zum Landwirt genau diesem Thema widmete: Kanderarena vs. Frutigen. Ein Kampf, bei dem es um alte Traditionen und Genossenschaftsdenken geht, denn die Halle in Frutigen wurde in den 70er Jahren erbaut: «Damals galten bei der Tierhaltung sowie auf dem Viehmarkt noch andere Gesetze, bislang gab es keine andere Lösung.»
Samuel Meichtry, Angestellter des Viehhändlers Beat Rubin aus Wilderswil, verlädt während der Auktion «Clemens», ein Swiss Fleckvieh. «Die Bedingungen hier sind ideal, man kann einfach hinter die Halle fahren und hat weniger Stress.» Clemens hatte Glück und geht als Zuchtstier zu Viehhändler Bruno Koster nach Zuzwil im Kanton Sankt Gallen.
Berner Landwirte sind zufrieden
Perfekt vom Timing war nicht nur der Bau der Kanderarena, auch der Auktionstag am Mittwoch war gut überlegt. «Die richtige Zeit für die Fresser, die Kühe gehen nun auf die Alp», so Landwirt Hans-Eduard Schmid.
Nicht nur der Auktionstermin auch die besseren Verladebedingungen und die Räumlichkeiten zogen ihn diesmal erneut in die Arena. Und es hat sich bezahlt gemacht. Mit 3418 Franken geht Schmid an diesem Tag zufrieden in den Stall zurück. Zwei Fresser, Gesamtgewicht 494 Kilo. «Da sind die 7 Franken für das Wiegen schon abgezogen.»
Wenn das Herz dabei ist
Niklaus Grossen verkauft an diesem Tag seine 10-jährige Kuh «Gloria» für 3 Franken 40 das Kilo, macht immerhin noch 1870 Franken. Auf seinen erst im November geborenen Fresser «Polo» werden ihm 6 Franken 80 pro Kilo geboten. «Sie hatten ein schönes Leben und Polo geht noch einen Sommer auf eine Alp.»
Traurig über den Abschied seiner 12-jährigen Leitkuh ist der Scharnachtaler Landwirt Samuel von Känel. «Ich habe sie noch einige Monate behalten, nachdem sie keine Milch mehr geben konnte, aber jetzt ist es leider an der Zeit.» 717 Kilo bringt die alte Dame auf die Waage, 3 Franken 20 wird noch gezahlt: «Anfangs ist man schon skeptisch, wenn etwas Neues kommt, aber jetzt ist dieser Markt wie der in Frutigen.» - Nur moderner, umweltschonender und wesentlich tierkonformer, talabwärts in der Kanderarena.
Morgens vor der Waage...
(lustig fing es an, denn eine Blondine im Rock, mit Stöckelschuhen und Kamera hatten die Landwirte wohl nicht erwartet)
Landwirt Samuel von Känel freut sich über das Platzangebot für seine Fresser "Luxus, wenn man weiss, wie es in Frutigen zugeht"
Anstehen lässt sich auch in der Kanderarena bei 328 Tieren nicht verhindern, dafür gehts hier stressfreier für Mensch und Tier zu
Umzingelt von Händlern - Auktionator Andreas Dähler mit einem der 328 Tiere, die er an diesem Tag anpreiste
Wie im alten Rom: Es wurde gefeilscht und gehandelt, am Schluss übertrafen die Händler die Lobag-Empfehlungen
Über Händler Jann Blum musste ich am meisten lachen. Während er die Lobag-Empfehlung weit übertraf, rief er zu mir herüber "das mache ich jetzt nur für dich"
Niklaus Grossen schickte mir nach dem Viehmarkt eine Mail mit seiner Abschlussarbeit. "Kanderarena vs. Frutigen" - mehr als interessant.
Und: Wir freundeten uns bei Facebook an, so dass wir auch Jahre nach diesem einen Tag noch im Kontakt stehen.
Auch nach der Auktion gehts in der Kanderarena relativ stressfrei für die Tiere zu (meiner Meinung nach das Wichtigste bei einem solchen Viehmarkt)
Bequemer gehts für Händler und Landwirte nicht mehr: Hinter der Halle können die Tiere direkt verladen werden
Im Stocks nebenan (Steakhouse von Walter Bettschen): Die Landwirte freuen sich über die erzielten Preise
Und während im Stocks noch angestossen wird, beginnen bereits die Aufräumarbeiten in der Kanderarena