Wir sollen einander akzeptieren, die Werte des anderen anerkennen, Religion leben lassen und sind doch betroffen, wenn aufgrund des Glaubens eine Familie auseinander gerissen wird.
Dies ist die Geschichte von Nila, eine junge Schweizerin mit tamilischen Wurzeln, die sich gegen die bevorstehende Zwangsheirat und für die Liebe & Flucht entschieden hat.
Diese Geschichte ist nicht kantonsabhängig. Leider kommt es auch heutzutage in der Schweiz noch zu Zwangsehen - natürlich im "Geheimen", denn eine solche Zwangsheirat ist eine Straftat, die mittlerweile glücklicherweise sehr drastische Strafen nach sich ziehen kann - wenn es denn heraus kommt und angezeigt wird...
Das ist die Geschichte einer guten Freundin, die im Jahre 2013 knapp einer Zwangsheirat entkam. Sie ist den Frauen gewidmet, die aufgrund alter Traditionen auch im 21. Jahrhundert noch zwangsverheiratet werden sollen und soll Mut geben, sich aus dieser Lage zu befreien.
Es war ein grauer, verregneter Tag im Jahre 2013, die Schleier des Nebels hingen bis ins Tal herunter und auch in den Augen von Nila, einer 18-jährigen Schweizerin mit tamilischen Wurzeln, legte sich ein Schleier aus Tränen nieder. Sie sass mir gegenüber und starrte gebannt auf den PC, versuchte, sich mit der Arbeit abzulenken, bis eine Träne nach der anderen aus ihren rehbraunen Augen kullerte und sie traurig von dem Tag erzählte, der ihr Leben vorerst verändern sollte. Es war der Tag, an dem ihr Vater ihr mitteilte, dass sie in wenigen Tagen ihren Cousin heiraten und mit ihm in Amerika leben würde.
"Ich möchte aus Liebe heiraten dürfen"
Die Menschen, denen sie bisher am meisten vertraute, hatten das gemacht, wovor sie sich am meisten fürchtete. Das One-Way-Flugticket war gebucht, die Hochzeit bereits arrangiert. Es klang wie eine Geschichte, die irgendwo anders passiert sein könnte, aber nicht direkt vor unserer Haustüre - geschweige denn im eigenen Freundeskreis. Ich konnte kaum glauben, was sie mir an diesem wolkenverhangenen Tag erzählte und in welcher Lage sich Nila nun befand. Geboren in der Schweiz, Schweizer Dialekt, Schweizer Pass, modisch angezogen, einen festen Freund und mitten in der Ausbildung. "Mein Freund kommt zwar wie wir aus Sri Lanka, doch befindet er sich nach altem Denken in einem anderen Kasten", so die 18-jährige Nila.
"Ich werde flüchten"
Wohin ihre Flucht gehen würde, wusste sie nicht, doch dass sie der Zwangsheirat entkommen will, stand für sie fest. "Ich möchte mit meinem Freund zusammen leben und ihn lieben dürfen und wenn mein Vater mir keine Wahl lässt, werde ich flüchten." An diesem Tage lagen wir uns 10 Minuten in den Armen und ich betete, dass ihr Vater sie nicht schon am selben Abend in den Flieger stecken würde. An den folgenden drei Tagen hörten wir nichts von Nila. Eingesperrt im Zimmer ohne Handy und Internet, wie sie das Wochenende voraus sagte. Am Dienstagmorgen dann die Gewissheit: Es geht los, die Flucht wenige Tage später ist geplant.
Der Zwangsheirat entkommen, aber wie?
Nur wenige Sachen nahm sie in den darauf folgenden Tagen mit aus dem Elternhaus, möglichst unauffällig müsse sie sich verhalten, denn auch einige Bekannte und Verwandte wussten Bescheid über die anstehende Hochzeit und nahmen sie ins Visier. Ihr Vater liess sie nicht mehr aus den Augen. So brachte er sie am morgen zur Arbeit, stand auch am Abend "unauffällig" und nervös vor der Tür und rief tagsüber doch so einige Male in Nilas Büro an. Dank ihrem Teamchef bekam Nila die Möglichkeit, einige Abklärungen vom Arbeitsplatz aus machen zu können, informierte sich auf der Homepage www.zwangsheirat.ch über mögliche Fluchtwege und ging zu ihrem zuständigen Beratungscenter. Am darauffolgenden Wochenende kehrte sie nicht mehr nach Hause zurück.
"Mein Vater ist im Gefängnis"
Die Flucht war geglückt, Nila fand vorerst ein geeignetes Versteck bei ihrem Partner und doch überschlugen sich die Ereignisse. Hilfesuchend wendete sie sich auch an die Polizei (die solange nichts passiert ist, ja erstmal nicht eingreifen darf) - doch in diesem Fall war die Situation anders, der Vater wegen häuslicher Gewalt bekannt, die Zwangsheirat eine Straftat. Um mal zum rechtlichen Teil zu kommen - dank National- und Ständerat stehen seit dem Sommer 2012 härtere Strafen auf die Zwangsehe. Bis zu fünf Jahre Gefängnis stehen mittlerweile auf die Zwangsheirat. "Mein Vater ist im Gefängnis, in Untersuchungshaft" - auch im Falle von Nila handelten die zuständigen Behörden. "Ich wollte nicht, dass mein Vater ins Gefängnis kommt" - und doch konnte Nila nach ihrer ersten Aussage nichts mehr für ihren Vater tun. Polizeilich bekannt wegen häuslicher Gewalt - eine denkbar schlechte Voraussetzung für den Tamilen mit Schweizer Pass. Kurzerhand entschieden die Behörden, ihn vorererst in Gewahrsam zu nehmen.
Die Zeit nach der Haft
Für Nila begannen erneut schlaflose Nächte: "Ich hatte Angst vor dem Tag, an dem er das Gefängnis verlassen würde. Ich hatte Angst um meine Mutter und meine beiden kleinen Schwestern und ich fühlte mich so machtlos, da ich niemals wollte, dass er ins Gefängnis muss. Er ist doch mein Vater." Dann kam der Tag, an dem der Vater wieder frei gelassen wurde - und es passierte: Nichts! Was sich während der Untersuchungshaft abgespielt hat, weiss Nila nicht, doch ihr Vater rührte seitdem weder seine Frau noch seine anderen beiden Töchter an.
"Ich vermisse meine Familie"
Gerade 18 Jahre alt geworden, stand Nila letztes Jahr vor dem wohl mutigsten Schritt in ihrem Leben."Meine Familie, meine Geschwister waren immer mein Halt und mit das Wichtigste in meinem Leben. Es tat so weh, plötzlich nicht mehr dazu zu gehören." Familie, Zusammenhalt, nach und nach kamen immer mehr Freunde und Bekannte, die sich für Nila stark machten und gegen diese Zwangsehe aussprachen. Mittlerweile sind die ersten Fäden wieder gesponnen, eine Annäherung in Sicht. "Mein grösster Wunsch ist es, meinen Vater eines Tages wieder umarmen zu können" - doch ob der gebürtige Tamile seiner Tochter jemals verzeihen und ihr diesen Wunsch erfüllen wird, steht in den Sternen.
Eine junge Frau, vor der man den Hut ziehen kann
Persönlich: An dem Tage, an dem Nila mir von dieser Geschichte erzählte, krampfte sich mein Magen zusammen. Ein junges Mädchen stand vor den ersten Scherben ihres Lebens. Sollte sie sich für die
Flucht entscheiden, würde das bedeuten, dass sie vorerst in Angst und familiärer Einsamkeit leben müsste. Mut machte vor allem die Beziehung zu ihrem Freund, ein sehr vernünftiger, lieber und
arbeitswütiger Tamile. Zwar befand er sich nicht in dem "Kasten", in dem Nilas Vater den künftigen Ehemann seiner Tochter sehen wollte, aber er liebt sie und hängt wohl genauso an einigen
Traditionen wie Nilas Vater. Kraft und Rückhalt - so einige Kollegen standen Nila in dieser Zeit bei, unterstützten sie und halfen ihr bei den zu bewältigen Fragen. Wie würde es finanziell weiter
gehen? Wie sollte sie sich jemals leisten können, ihre Ausbildung fortzuführen und wie kann sie ihre Schwestern vor einem ähnlichen Schicksal bewahren?
Nila bat mich um Unterstützung und wollte in den Medien anderen Mädchen in einer ähnlichen Lage Mut machen. Anfangs überlegten wir, ihre Geschichte dank eines Kollegen in einer grossen, schweizweiten Tageszeitung zu veröffentlichen, doch dann entschieden wir uns dagegen. Es ist keine Geschichte, bei der jemand öffentlich für jeden sichtbar an den Pranger gestellt werden soll. Es gibt andere Traditionen und Religionen. Nilas Vater wollte nur das Beste für sie, auch wenngleich er den Unterpunkt "wahre Liebe" dabei vergessen hatte. Auch er heiratete damals seine Frau, weil sie ihm von Geburt an versprochen war - und es funktionierte.
"Es ist dennoch nicht richtig, wenn man gegen seinen Willen verheiratet werden soll und nicht den Menschen lieben darf, für den das Herz schlägt. Ich habe es geschafft und auch alle anderen schaffen es, auch wenn es ein langer und harter Weg ist."
Sommer 2014
Viel Wasser ist seit Nilas Flucht den Rhein herunter geflossen und das Gras wurde an vielen Orten schon vier Mal gemäht. Die Zeit ist verstrichen und Neues gekommen. So zeigte sich auch Nila im Frühjahr in einem neuen Gewand. Heirat? Ja, aber den Richtigen zum richtigen Zeitpunkt.
Nach einem persönlich harten Winter kam auch für Nila der Frühling und mit ihm der Neuanfang. Es war ein Neuanfang mit alten Traditionen, in diesem neuen Gewand, das stark nach einer bevorstehenden Hochzeit aussah. "Ja, wir wollen heiraten, auch wenn der Antrag doch überraschend und unerwartet kam", so Nila, die auf einigen Verlobungsbildern dennoch sehr traurig aussah. Etwa 500 Gäste und eine traditionell ausgerichtete Hochzeit - so stellen sich die beiden ihre Hochzeit vor. Doch bis dahin werden weitere Millionen Liter Wasser den Rhein herunter fliessen.
Zusammen und doch allein
In der Schweiz geboren und doch den Blick auf ihre Herkunft gerichtet: "Traditionen sind mir sehr wichtig und ich möchte sie leben. Wir feierten die Verlobung vor allem mit seinen Freunden und auf tamilische Art, doch wir merkten, dass das wichtigste dabei fehlt." In zwei bis drei Jahren hätten sie das Geld für eine solch grosse Hochzeit zusammen, doch das wichtigste sei für Nila die Familie. "An diesem besonderen Tag haben wir gemerkt, dass es ohne die Familie nicht geht und ich möchte erst heiraten, wenn meine Familie dabei ist" - zwei bis drei Jahre, bis dahin hofft sie, dass ihr Vater ihr vergeben kann und ihre Familie sie wieder als Teil des Ganzen aufnimmt.
Auch wenn die Wege manchmal in unterschiedliche Richtungen führen und man entgegen gesetzt läuft, so passiert es doch immer wieder an so einigen schönen Tagen, dass die Wege sich kreuzen und man einander wieder sieht.
Monate waren seit dem letzten Kontakt mit Nila vergangen, Monate, in denen ich mich fragte, ob sie und ihre Familie wieder zusammen kommen. Dann sah ich diese wunderschönen Bilder von ihr und ihrer grossen Liebe und wusste: "Das kommt gut." Auch wenn bis zur Versöhnung sicher noch einige Monate, wenn sogar Jahre ins Land ziehen müssen, irgendwann wird es soweit sein, die Familie wird wieder hinter ihr stehen und dann wird meine Kamera erstmals bei einer echten tamilischen Hochzeit dabei sein.
Auf diesen Tag freue ich mich jetzt schon und wünsche Nila und Ihrem Verlobten weiterhin alles Beste der Welt und viel Erfolg bei der langsamen Familienannäherung.