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Nach seiner Vier-Länder-Tour zu Ehren des Dalai Lamas macht der tibetische Sicherheitsminister Ferien im Glarnerland. Was er in seinem ersten Zeitungsinterview sagt, erschüttert die westliche Welt.
Mit Dongchung Ngodup sprach Juliane Krappe
Herr Ngodup, warum verbringen Sie derzeit Ihre Ferien im Glarnerland?
Generell ist die Schweiz ein sehr schönes Land, die Flora und Fauna fasziniert mich, die Landschaft wirkt wie gemalt. Ich habe viele Verwandte und Freunde hier. In Glarus lebt die Schwester meiner Frau. Es ist sehr ruhig und bekömmlich hier.
Gibt es landschaftlich Parallelen zu Tibet?
Das letzte Mal war ich als Kind dort, aber ich meine, mich an gewisse Ähnlichkeiten zu erinnern. Sicher haben wir die höheren Berge, aber speziell hier in Glarus wirken sie viel grösser und mächtiger. Was sehr ähnlich in meinen Erinnerungen ist, sind die Flüsse.
Die Sicherheit des Dalai Lamas liegt in Ihrer Hauptverantwortung. Glauben Sie, dass dieses Jahr bereits ein Anschlag auf den Dalai Lama gezielt geplant war?
Ja. Aus sicheren Quellen wissen wir, dass verstärkt Anschläge geplant waren und auch künftig jederzeit stattfinden können. Toxische Angriffe spielen dabei eine sehr grosse Rolle.
Konnten Sie einen Anschlag bereits vereiteln?
Ja. Wir haben einen Anschlag dreier tibetischer Frauen verhindern können, die mit toxischen Giften im Haar, an den Händen und im Schal den Dalai Lama bei der Segnung vergiften wollten. Wir wissen auch, dass die chinesische Regierung Proben seiner Heiligkeit sammelt – für irgendetwas werden sie es gebrauchen. Seine Heiligkeit steht sehr stark unter Schutzmassnahmen.
Wie schätzen Sie die derzeitige Lage in Tibet ein?
Die Situation ist sehr dramatisch. Ich bin sehr betrübt, wie es in Tibet zugeht. Die ganze Verantwortung liegt ja bei den Chinesen und durch die ganzen Strategien, mit denen sie versuchen, die Tibeter zu kontrollieren, ist es nicht einfach zu reagieren. Ganz Tibet durch die drei Provinzen gleicht einem Kriegsrecht, offiziell wurde es nicht als solches ernannt, aber es gleicht dem durch die ganze militärische Belagerung. Natürlich haben sie Klöster und Schulen toleriert, doch wenn man es genau betrachtet, ist es durch den ganzen Regierungsapparat nicht möglich, eine gewisse Religionsfreiheit auszuüben. Zum Beispiel wird jemand, der eine tibetische Nationalfahne bei sich trägt, sofort verhaftet und bekommt eine lebenslange Haft- oder auch die Todesstrafe.
Bitte sagen Sie, dass das nicht stimmt.
Nein. Es ist leider die Wahrheit. Grundsätzlich hat Tibet die buddhistische Kultur und man verehrt seinen Lehrer, Mönch und natürlich seiner Heiligkeit, den Dalai Lama. Es ist jetzt sogar verboten, Bilder von seinen Vorbildern zuhause aufzustellen. Das wird dann auch mit drastischen Strafen sanktioniert, stattdessen müssen sie gezwungenermassen Bilder von Mao und den anderen chinesischen Machthabern aufhängen. In welcher Gefühlslage muss man sein, wenn man nicht einmal mehr Bilder seiner eigenen Götter und Vorbilder aufstellen darf und nicht das verehren darf, worin der Glaube liegt, wenn man gezwungen wird, den Kommunismus zu verehren?
Wie sicher ist es für Touristen in Tibet? Gibt es dort überhaupt noch Tourismus?
Die Gruppenreisen werden wohl schon bewilligt, aber für Individualreisende gilt quasi Einreiseverbot. Ganz sicher kann man sich aber auch in der Gruppe nicht mehr so frei bewegen wie früher und untersteht der chinesischen Kontrolle.
Seit letztem Jahr kam es bereits zu 52 Selbstverbrennungen. Was sagen Sie zu diesem traurigen Kapitel?
Jeder, der sich selbst Verletzungen zufügt - sei es mit Nadeln, Messern oder sonstigem - nimmt Schmerzen in Kauf und will auf etwas aufmerksam machen. Bei den Selbstverbrennungen kann man darauf schliessen, dass die Leute gar keine elementaren Rechte mehr haben. Man kann nicht eine Instanz beklagen, die den eigenen Glauben unterdrücken will. Man kann sich dort keinen Rechtsbeistand holen. Und aus diesem Ohnmachtsgefühl, dieser Verzweiflung heraus, haben sie das Gefühl und die Hoffnung, sich damit ein Gehör in der Weltgemeinschaft zu verschaffen.
Was wünschen Sie sich vom Westen und der EU?
Ich wünsche mir, dass sich die Menschen damit auseinander setzen und sehen, welchen Hintergrund die Selbstverbrennungen haben, welche Verzweiflung unter den Tibetern herrscht. Als Mensch und nicht als Politiker betrachtet denke ich, dass dieser Hilferuf ein Gegenstand für die internationalen Menschenrechte sein müsste. Sicherlich wünschen wir uns von daher mehr Unterstützung und Hilfe von der EU und den westlichen Ländern.
Wie stehen Sie der militärischen Sicherheit gegenüber?
Wir von der Exilregierung streben gar nicht nach militärischer Sicherheit. Seiner Heiligkeit setzt auf gewaltfreie Lösungen und letzten Endes müssen Gespräche mit der chinesischen Regierung stattfinden und friedliche Wege für das Miteinander gefunden werden.
Xi Jinping soll noch dieses Jahr zum neuen Staatsoberhaupt Chinas ernannt werden. Sein Vater war in den 50er Jahren mit dem Dalai Lama befreundet. Glauben Sie, dass sich mit dem neuen Präsidenten in China etwas ändern wird?
Es stimmt zwar, dass die beiden befreundet waren, doch glaube ich persönlich kaum, dass sich in naher Zeit etwas ändern wird. Langfristig wäre das vielleicht möglich. Nur für die derzeitige Dramatik in Tibet wird es vorerst keine Rolle spielen, weil das ganze Gremium zu stark verankert mit den alten Strukturen ist.
Der Dalai Lama möchte die Autonomie Tibets, die Tibeter Jugendvereinigung in Indien fordert die vollständige Unabhängigkeit. Was denken Sie darüber?
Es gibt sicher Stimmen, die die vollständige Unabhängigkeit Tibets verlangen und das ist ihr grundlegendes Recht, allerdings fordert der Dalai Lama die Glaubens-Unabhängigkeit Tibets auch aus pragmatischen Gründen. Er möchte einfach nur Ruhe und Frieden in Tibet haben und das ist sicher der friedvollere Weg. Dem schliessen sich im Denken die meisten Tibeter und auch ich an. Unser Ziel ist das, was in der Schweiz vorgelebt wird – dass man Tibet wie einen Kanton Chinas ansieht und man dort frei seinen Glauben ausleben darf. Mich würde interessieren, wie Sie das sehen.
Die Autonomie Tibets wäre sicher der friedlichere Weg. Ich denke, China müsste Tibet als ihr Aushängeschild des modernen Denkens und der Anpassungsfähigkeit ansehen und damit Werbung machen. Die interne Zusammenarbeit müsste einfach funktionieren und eine Strasse für das Miteinander mit unterschiedlichen Denken und Glauben gebaut werden. Andererseits war Tibet früher auch ein eigenständiges Land, also kann man eben auch die Forderung der Jugend nachvollziehen. Herr Ngodup, nun meine letzte Frage: Was ist Ihr grösster Wunsch?
Ich möchte noch einmal in meinem Leben mit meiner Familie in meine alte Heimat, nach Tibet.
In dieses Interview und in die Auswertung steckte ich recht viel Kraft rein, ich war fest davon überzeugt, dass mir eine deutsche Tageszeitung das Interview abnehmen würde. Ich startete bei zehn grossen deutschen Zeitungen eine Anfrage - zumal es sogar das erste Interview war, dass der Sicherheitsminister je für eine Zeitung gegeben hat. Doch von zehn Anfragen erhielt ich lediglich von drei Zeitungen eine Antwort. Unter anderem hatte der Spiegel und der Focus den Anstand und antwortete - kein Bedarf derzeit an Tibetthemen, aber sie bedankten sich für das "interessante" Angebot. Ich war ausser mir, verstand die Welt nicht mehr - da gibt der Sicherheitsminister der Exilregierung ein erstes Interview und niemand von der deutschen Presse zeigte Interesse. Unser Übersetzer, der ehemalige Präsident der Schweizer Tibetervereinigung, redete mir gut zu und erzählte davon, dass viele Zeitungen lieber Abstand nehmen, da es weltweit Kooperationen mit China geben würde. Das sei auch der Grund gewesen, warum er eine grosse Schweizer Tageszeitung nach mehr als 20 Jahren abbestellte.
Nun sei es drum, vielleicht liest ja hier der eine oder andere Mensch das Interview und redet darüber. Zumindest ist es hier verewigt und nicht längst zu Toilettenpapier verarbeitet.